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Beweise
In der vergleichenden Mathematik haben Beweise eine
andere Bedeutung als in der herkömmlichen Mathematik.
Die zentralen Thesen sind:
1) Es gibt verschiedene sinnvolle Wege, mathematische
Lehrsätze zu verstehen und zu begründen.
2) Nicht ein einziger Beweis, sondern der Vergleich der
unterschiedlichen Erklärungen erzeugt ein klares Verständnis.
3) Ein Beweis enthält meistens Verallgemeinerungen
von Alltagserfahrungen. Das Bewiesene ist nicht wahrer als konkrete
Erfahrungen.
4) Ein Beweis ist nicht unumstößlich. Hat man
genügend Erfahrung mit Beweisen, kann man einem Beweis aber
vertrauen.
5) Ein Satz ist nicht deshalb richtig, weil er bewiesen
ist. Tatsächlich gilt: Nur zu einem richtigen Satz kann man auch
einen Beweis finden.
Beweise der Divisionsregel
"Eine Zahl wird durch einen Bruch geteilt, indem man mit dem Kehrwert
multipliziert."Das ist die Divisionsregel.
Die Frage nach dem Warum beantworten die meisten
Menschen mit: "Weil der Lehrer das gesagt hat."
Laut Lehrplan ist es aber nicht das Ziel schulischer
Bildung, nachsprechen zu können, was der Lehrer sagt. Vielmehr
ist eigenständiges Denken gefragt. Dieses wird aber durch ein
hartnäckiges Vorurteil behindert, nämlich: man müsse
eine Formel oder einen Satz (wie z.B. die Divisionsregel) nur
beweisen und dann muß allen Menschen alles klar sein. Beispiele
dafür, was den Schülerinnen und Schülern alles nicht
klar sein kann und was man alles nicht beweisen kann, sollen im
folgenden gezeigt werden.
Die erste Schwierigkeit: Teilen durch einen Bruch
Man kann etwas in 2 Teile teilen oder in 3 oder in 4,
aber kaum etwas in
Teile teilen oder in
Teile oder in
Teile usw. Das heißt: Das, was die meisten Menschen unter
"teilen" verstehen, funktioniert mit Brüchen nicht. An
dieser Stelle wäre es eine absolut logische Konsequenz, das
Teilen durch Brüche einfach zu lassen (außerdem sind
Brüche ja schon Teilungen. Warum sollte man dadurch nochmal
teilen?) - was nicht unbedingt das Ende der Mathematik sein muß.
Man kann auch ganz ohne Brüche auskommen. Bevor
man rechnet, könnte man festlegen, was die kleinste sinnvolle Einheit ist und
dann in ganzen Vielfachen dieser Einheit rechnen. Die meisten
Computer auf der Welt rechnen im Prinzip genauso. Auch wir Menschen
kennen diese Rechenweise aus dem Alltag: Wenn wir etwas nachmessen,
überlegen wir uns vorher, ob wir z.B. auf den Millimeter oder
auf den Zentimeter genau messen wollen. Rechnen wir mit
Dezimalzahlen, legen wir vorher fest, auf die wievielte Stelle nach
dem Komma wir runden möchten.
Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten, ohne
Brüche auszukommen. Das führt zu der Konsequenz: Es gibt
keinen Grund, warum wir durch Brüche teilen müssen.
Mit dieser Einstellung sind wir von möglichen Beweisen der
Divisionsregel meilenweit entfernt.
Die Motivation: Dividieren aus reiner Willkür
Uns kann niemand daran hindern, völlig ohne Grund
und aus reiner Willkür zu fragen: Was ist ein sinnvolles
Ergebnis von
? Ist
oder ist
oder ist
? Es gibt viele Vorschläge für sinnvolle Ergebnisse und
viele Sichtweisen, was unter dem Teilen durch einen Bruch zu
verstehen ist, die nicht zur Divisionsregel führen.
Einige der Vorschläge führen zu einer ganz neuen
Mathematik. Rein theoretisch könnte man die verschiedenen
Möglichkeiten durchdenken und dann die verschiedenen Arten von
Mathematik miteinander vergleichen. Damit hätte man auch gleich
die sicherlich reizvolle Aufgabe, Kriterien für die "beste"
Mathematik zu entwickeln.
Das würde aber diesen Rahmen und auch den der
Schülerinnen und Schüler sprengen...
Ein Weg für die Divisionsregel
Wir könnten uns fragen: Da sich die
Divisionsregel durchgesetzt hat, wäre es interessant zu wissen,
welche Auffassungen des Teilens durch Brüche zur Divisionsregel
passen? Es ist wohl auch klar, daß wir mit dieser Fragestellung
keinen Beweis finden, der einen logischen Zwang ausdrückt, den
man einfach anerkennen muß. Wir basteln uns das Verständnis
ja so zurecht, daß die Divisionsregel gilt.
Division als Umkehrung der Multiplikation
Man könnte sagen:
, weil
ist. Man kennt das von den natürlichen Zahlen: Es gilt:
und auch
;
oder: es gilt
und auch
.
Das "weil" haben wir uns allerdings ausgedacht.
Selbst wenn
wäre, weil
ist, heißt das nicht, daß dies auch für Brüche
gilt, denn wir haben bisher nicht gezeigt, warum das sinnvoll sein
könnte. Die Divisionsregel "ergibt" sich also nicht
aus der Bruchmultiplikation. Mit dem definierten
"weil" kann man aber die Divisionsregel beweisen:
,
weil
ist. Die meisten Menschen wünschen sich aber ein Teilen, das
nicht einfach eine formale Umgruppierung der Multiplikation ist,
sondern das auch tatsächlich etwas bedeutet. Die obige
Auffassung sagt aber nichts darüber aus, was es konkret
bedeutet, durch Brüche zu teilen.
Konkretes Teilen
Hier
kommt eine konkretere Auffassung des Teilens durch Brüche, die
zur Divisionsregel passt:
kann bedeuten: Wie oft geht 2 in 8 ? Entsprechend kann
bedeuten: Wie oft geht
in 2 ? Konkret vorstellen kann man sich das z.B. durch Schritte: Bei
einer Schrittlänge von
Meter braucht man 6 Schritte, um 2 Meter zurückzulegen.
Man kann das auch an der Zahlengeraden sehen, die man als
Referenzmodell benutzen könnte.
Gilt mit dieser
Auffassung die Divisionsregel? Weil
sechsmal in 2 paßt, ist
und es gilt
.
Aber gilt das für alle Brüche? Nun, wir können
schlecht alle Brüche durchrechnen, weil es davon zu viele gibt.
Es reicht aber auch nicht, nur ein paar Beispiele zu betrachten.
Führt man die Folge
,
,
,
..., für deren Folgenglieder die Divisionsregel gilt, weiter
fort, kommt man nie zu diesem Beispiel:
. Es gibt keine Methode, mit der man herausfinden könnte, ob man
beim durchrechnen von Beispielen solche Beispiele vergessen hat, für
die eine Regel nicht gilt. (Variablen und Axiomatik helfen hier
nicht, denn die Axiome für reelle Zahlen z.B. sind ja so
geschrieben worden, daß die bekannten Rechenregeln gelten.)
Gilt denn (mit dieser Auffassung des Teilens durch
Brüche) die Divisionsregel für alle Brüche? Was machen
wir mit
? Wie oft geht
in
? Gar nicht.
Wir brauchen eine andere Auffassung des Teilens durch
Brüche. Hier ist eine:
Konkretes Aufteilen
Man kann etwas aufteilen, z.B. eine Schippe Sand auf
einer bestimmten Fläche verteilen. Will man die gleiche Menge
Sand auf einem drittel der Fläche verteilen, ist die Sandschicht
dreimal so hoch. Das kann auch Teilen durch
bedeuten. Und das klappt übrigens auch mit einer halben oder einer viertel Schippe
Sand.
Man kann einen Liter
Wasser auf 6 Gefäße mit einem Fassungsvermögen von
-Liter
verteilen. Das ist auch eine sinnvolle Interpretation von z.B.
.
Eine ganze Pizza
liege auf einem Teller. Teilt man sie auf die Hälfte des Tellers
auf, liegt sie doppelt. In diesem Sinne kann
sein.
Können wir denn
mit dieser Auffassung die Divisionsregel beweisen? Wir können es
ja mit Sand ausprobieren und uns überlegen, ob sich mit anderen
Sandmengen etwas ändern könnte. Da wird einem der gesunde
Menschenverstand wohl sagen, es könne sich prinzipiell nichts
ändern - außer wenn man mit negativen Brüchen
rechnet. Aber auch mit diesen Zahlen könnte man eine
Interpretation finden. Das wäre allerdings die andere Richtung
der Schlußweise: Man geht davon aus, die Divisionsregel gelte
und sucht dann Beispiele dafür. Mit dieser Einstellung können
wir aber nicht die Divisionsregel beweisen, zumindest nicht im Sinne
einer Unwiderlegbarkeit. Höchstens können wir zeigen, daß
es genügend gute und unterschiedliche Beispiele gibt, auf die
die Divisionsregel anwendbar ist. Das gilt allgemein für
mathematische Sätze: Es reicht nicht, daß sie richtig
sind, sie müssen auch in einem genügend großen
Bereich funktionieren. (Z.B.: Es gilt:
. Überrascht? Das gilt für die Fälle
und
.
Um vernünftigerweise von einem Satz zu sprechen ist das aber zu
wenig.) Ein Satz muß außerdem nicht nur einen genügend
großen Gültigkeitsbereich haben, sondern er muß auch
in einen effektiven Aufbau der Mathematik hineinpassen.
Kein Beweis -
aber lebhafte Überzeugungen
Kann man nun
beweisen, daß nach der Aufteilungs-Auffassung die
Divisionsregel wenigstens für alle positiven Brüche gilt?
Beweisen nicht, aber mit genügender Aufteilungs-Erfahrung und
dem vernünftigen Erkennen von Regelmäßigkeiten und
Prinzipien können wir uns auf die Divisionsregel verlassen.
Noch überzeugter
können wir sein, wenn wir Erfahrungen mit den Prozessen haben,
die zu Überzeugungen führen.
Der Blick wird
zusätzlich geschärft, wenn wir aus den Situationen lernen,
in denen uns etwas völlig logisch vorkam, was hinterher aber
wieder verworfen wurde. Lernt man Mathematik, kommt so etwas ziemlich
häufig vor.
Vergleicht man noch
zusätzlich die verschiedenen Auffassungen des Teilens durch
Brüche miteinander und zieht die unterschiedlichen
Gültigkeitsbereiche in betracht, entsteht ein sehr klares Bild.
Irgendwann bekommt man das Gefühl, daß mit neuen
Betrachtungen eigentlich nichts neues mehr hinzukommt
(Exhaustionsprinzip). Dann hat man eine wirklich lebhafte
Überzeugung.
Ausblick
Hier wird nicht behauptet, die Mathematik sei falsch.
Aber die Fixierung auf formale Beweise und der Unfehlbarkeitsanspruch
behindern das Denken und - für viele Menschen - den Spaß
daran. Die Mathematik ist eine lebendige Wissenschaft, sie ändert
sich, sie findet mitten im Leben statt, sie macht Spaß und
besteht aus mehr als unwiderlegbaren Sätzen.
Dieses Beweiskonzept
verbindet die unterschiedlichen Denkweisen der Schülerinnnen und
Schüler. Die eigenen Ideen sind wichtig für die Begründung
der Divisionsregel (oder anderer Lehrsätze), weil nur aus
verschiedenen Blickwinkeln ein klares Bild entsteht. In diesem Bild
setzt jeder Mensch die Schwerpunkte anders und so kann jeder aus dem
Unterricht eine individuell stimmige Begründung mitnehmen.
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